NZZ Folio 08/99 - Thema: Kiosk   Inhaltsverzeichnis

Zahlen bitte -- Die Mathematik des Fussballs

Von Herbert Cerutti

DAS MEISTERCUP-FINALE vom 26. Mai 1999 in Barcelona wird den Fans noch lange in Erinnerung bleiben. Nachdem Bayern München gegen Ende des Matches dank einem 1:0-Vorsprung sich bereits als sicherer Gewinner gefühlt hatte, schaffte Manchester United nach Ablauf der regulären Spielzeit das scheinbar Unmögliche: In der kurzen Nachspielzeit trafen die Briten gleich zweimal ins Goal und kamen so in allerletzter Minute doch noch zum Sieg.

Was dem Sportvolk als unglaubliche Kehrtwendung erschien, verblüffte Michael Robinson und Mark Dixon wohl weniger. Die englischen Mathematiker hatten sich die Mühe genommen, 7000 Fussballspiele der englischen Liga im Detail statistisch zu sezieren. Zwar liess sich das Resultat eines Matches mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit schon früher vorhersagen, wenn man die in vergangenen Spielen erzielten und erlittenen Treffer für die einzelnen Mannschaften (also deren offensives und defensives Potential) analysierte. Die neue Studie erlaubt nun aber auch Vorhersagen darüber, wann im Laufe des Matches die Tore fallen. Sie zeigt, dass Tore umso wahrscheinlicher werden, je länger ein Spiel bereits dauert. Robinson vermutet, dies habe seinen Grund in der wachsenden Müdigkeit der Abwehrspieler.

Die Daten von Robinson und Dixon lassen ausserdem eine Abhängigkeit der Trefferquote von den im Spiel schon erzielten Toren vermuten. So kommt es nach einem Vorsprung des Auswärtsteams überdurchschnittlich häufig zu relativ hohen Schlussresultaten - weil möglicherweise das Heimteam seinen Effort verstärkt, um sich vor seinem Publikum nicht zu blamieren.

Den Liverpooler Sportwissenschafter Thomas Reilly interessiert die räumliche Strategie eines Fussballspiels. Er analysierte 36 Spiele der Weltmeisterschaft von 1998, indem er das Spielfeld in 18 gleich grosse Rechtecke einteilte und dann für jedes Spiel registrierte, was zu welcher Zeit wo passierte. Als heisse Zone stellte sich das Rechteck unmittelbar vor dem Strafraum heraus. Die erfolgreichen Mannschaften hatten aus dieser Zone im Durchschnitt 25 Pässe oder Torschüsse lanciert, während die Verlierer hier nur 15mal schossen und sonst in Tornähe eher aus den beiden seitlichen Zonen flankten.


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