NZZ Folio 11/02 - Thema: Humor   Inhaltsverzeichnis

Humorexperiment Nr. 2

Sissi Perlinger will Peach Weber zum Lachen bringen. Schafft sie es?

Von Sissi Perlinger und Peach Weber

Sissi Perlinger:

Ich als Frau darf es sagen: Zu den zähesten, ödesten, blödesten Eigenschaften, die man als typisch weiblich bezeichnen würde, zählt der regelmässige Konsum, verbunden mit dem exakten Nachplappern von Frauenzeitschriften.

Wie kommt es, dass so viele meiner Geschlechtsgenossinnen diesen buntgemusterten Hochglanz-Gesprächsstoff als Vorhang am Brett vor ihrem Kopf benützen? Wahrscheinlich ist es der immer wiederkehrende Ruf nach dem «neuen Mann», weswegen wir diese 500 000 verschiedenen, absolut identischen, sich permanent wiederholenden Printveröffentlichungen verschlingen. In ihnen sind wir Frauen aber auch grundsätzlich sexy und chic und die Frisuren immer flott. Und dann der ergreifende Psychoteil: «Mein Mann schlägt mich . . . im Schach und betrügt mich . . . im Mau-Mau.» Und auf der letzten Seite: «Die Expedition ins Eisfach – ein knallharter Bericht über die neuesten Gefrierbrandanschläge in Deutschland.»

Wir machen jeden Monat eine neue Frauenrolle rückwärts, und das Wartezimmer vom Zahnarzt wird mit dieser Lektüre zur «Endstation Emanzipation». Mein Verdacht ist, dass die Frauenbewegung initiiert wurde von skrupellosen Kapitalisten, die begriffen haben, dass sich mit männlichem Kaufverhalten kein Wirtschaftswachstum erzielen lässt und deswegen in Bezug auf Kaufentscheidungen die Frauen heute das Sagen haben.

Aber zurück zum «neuen Mann»: Bisher sitzt er noch hinter Luftschloss und Kartoffeldiät in Schemen-Haft. Die Nostradamen der Frauenredaktionen haben ihn schon oft an die Wand gemalt – gar nicht lange her, da hiess er «Softie» und war dermassen windelweich, dass man immer fragen musste: Ist er neu oder mit Perwoll gewaschen? Ein paar Prototypen davon konnte man mit Schlabberhosen und Jutetaschen in diversen Lehrerzimmern besichtigen, bis sie sich gegenseitig wegtoleriert hatten. Ebenfalls ein schlimmer Fehlschlag war der Typ «humorvoll, intelligent und sportlich». Das wäre dann eine Kreuzung aus Ulrich Wickert, Lothar Matthäus und Heinz Schenk. Ein Kerl, der täglich rangeht –, immer blauen Bock hat und mir danach noch zärtlich ins Ohr haucht «Und nun zum Wetter».

Heute ist das Neue-Mann-Modell leichter zu finden. Es heisst «Brad», «Leonardo», «Antonio», und seine Hobbies sind rasieren und Gel in die Haare schmieren.

Was ich mich immer frage: wenn er jetzt endlich kommt, der neue Mann – was machen wir dann mit dem alten? Auf dem Flohmarkt verkaufen? Ich empfehle, ihn sorgsam einzumotten – in ein paar Jahren spätestens wird er wiederentdeckt und als topmoderner «Vintage-Kult» angepriesen werden. Sissi Perlinger

Sissi Perlinger ist Kabarettistin aus Deutschland.



Peach Weber:

Da habe ich mir aber was eingebrockt. Ausgerechnet ich, der ich überzeugt bin, dass Humorkritik unsinnig ist, soll einen Text nach seiner Lustigkeit bewerten?

Zuerst ein Wort zum Thema Humorkritik: Seit bald 25 Jahren bin ich unterwegs mit Verbrauchsunterhaltung. In der ganzen Zeit habe ich wohl ein Publikum gefunden, das meine Sachen lustig findet. Bin ich deshalb lustig? Nein, mit Neffen, äh mitnichten! Ich bin nur für einen Teil der helvetischen Bevölkerung lustig. Immer wieder habe ich von Fachleuten gute Ratschläge bekommen, das hat mir sehr geholfen, ich habe genau das Gegenteil davon gemacht, und es hat funktioniert.

Ich schreibe gerade an einem neuen Programm, dafür brauche ich etwa dreihundert Gags. Die kommen mir in den Sinn, und ich muss entscheiden, erstens, ob ich persönlich einen lustig finde, und zweitens, ob ich glaube, dass mein Publikum diesen lustig findet. Glauben Sie mir, das ist schon schwierig genug. Wenn ich die Pointen auch noch vom Bundesamt für Qualitätssicherung in der Humorindustrie prüfen lassen müsste, dann bliebe überhaupt nichts übrig.

Wie sagt doch der Lateiner so gern: «De lustigus non est disputandum.» (Für die Unlateiner: Von Lustigem nicht ist streitendem.) Klar, es lässt sich schon streiten, aber es bringt nix. Gibt es etwas Peinlicheres, als wenn jemand einen unlustigen Witz erzählt und niemand lacht? Ja, es gibt etwas Peinlicheres, nämlich, wenn dieser Mensch noch zu erklären versucht, warum es doch lustig war. Das Einzige, was ich mit Sicherheit sagen kann, ist: Ich habe gelacht, oder eben nicht.

Wie musste ich doch herzlich lachen, als für das Einstürzen der zwei Türme die Spassgesellschaft schuldiggesprochen wurde. Ha, ha, ha! In einer Zeit, da Wirtschaftsidioten wie Ebner, Hüppi und all die anderen Barnevikser unserer Wirtschaft schaden, um sich dann auf ihrer Ranch in Florida einen fröhlichen Lenz zu machen, sollten wir doch froh sein um jeden Menschen, der uns ein bisschen zum Lachen bringt. Nicht?

Als das Fernsehen kam, hiess es: «Jetzt verblöden die Leute!» Als der Computer kam, der Walkman oder das Internet, da hiess es wieder: «Jetzt verblöden die Leute!» Lustigerweise ist das immer nur bei einem Teil der Benutzer passiert, und ich behaupte, die wären auch schon vor dieser Zeit verblödet, vielleicht dann halt nicht vor dem Computer, aber vor dem Aquarium.

Noch ein Wort zum Text jetzt: Ich habe nicht gelacht, das heisst aber gar nichts.

Übrigens: Wissen Sie, was Gott macht, wenn er so richtig lachen will? Dann sagt er zu einem Menschen: «Komm, erzähl mir von deinen Plänen!»

Peach Weber war die Verfasserin des Textes unbekannt.


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